Man erkennt große politische Medienmomente daran, dass plötzlich alle Wasserbauingenieur werden. Schleusen öffnen. Fluten kommen. Boote steigen. Der deutsche Film, eben noch im Maschinenraum der internationalen Plattformökonomie herumkriechend wie ein Praktikant mit Bandscheibenvorfall, soll jetzt von einer historischen Welle erfasst werden. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer spricht im DWDL-Interview von einem „Filmbooster“, von bis zu 15 Milliarden Euro Investitionen in fünf Jahren, und an der Küste, sagt er sinngemäß, würde man sagen: Diese Flut hebt alle Boote. Das klingt nach Hafenfest, nach Pressewand, nach Häppchen mit Förderlogo. Es klingt aber auch nach einem Satz, den man sagt, wenn man hofft, dass niemand zu genau fragt, wer eigentlich das Boot gebaut hat, wem es gehört und warum die Leute unter Deck seit Jahren mit nassen Socken schneiden, drehen, disponieren, kalkulieren.
Natürlich: Dass das Bundeskabinett eine Investitionsverpflichtung für Streamingdienste und Sender beschlossen hat, ist nicht nichts. Künftig sollen sie mindestens acht Prozent ihres Jahresumsatzes in den Filmstandort beziehungsweise in europäische audiovisuelle Werke investieren; dazu kommen Subquoten für deutschsprachige Inhalte, unabhängige Produzenten und neue Werke. Gleichzeitig stehen laut Bundesregierung 250 Millionen Euro Bundesfilmfördermittel pro Jahr bereit, zusammen mit weiteren Mitteln mehr als 300 Millionen Euro jährlich. Das ist politisch relevant. Das ist ein Signal. Das ist auch, ja, nach Jahren der bleiernen Branchenerschöpfung mehr als die übliche Kulturpolitik-Pantomime aus „Wir nehmen Ihre Sorgen sehr ernst“ und anschließendem Kaltgetränk im Foyer.
Aber genau da beginnt das Problem: In Deutschland wird jeder Tropfen sofort zur Flut erklärt, sobald er durch eine ministerielle Pressemitteilung läuft. Acht Prozent sind eine Pflicht, ja. Zwölf Prozent sind die magische Tür zur Öffnungsklausel, also zu mehr Flexibilität und weniger Detailsteuerung. Wer genug zusagt, kann sich aus bestimmten Vorgaben herausverhandeln. Das ist der berühmte deutsche Kompromiss: ein Gesetz, das schon beim Betreten des Raumes seinen eigenen Notausgang mitbringt. Man nennt es Balance. Man könnte es auch Einladung zur Anwaltsschlacht nennen, nur mit besserem Catering. Die große Zahl von 15 Milliarden Euro wirkt dabei wie ein LED-Screen auf einer schlecht belüfteten Branchenkonferenz: hell, beeindruckend, leicht hypnotisch. DWDL hatte schon im Dezember berichtet, dass vergleichbare Selbstverpflichtungszahlen zwar gigantisch aussehen, sich aber zu einem großen Teil aus Investitionen von öffentlich-rechtlichen und privaten deutschen Anbietern speisen, die ohnehin bereits viel in deutsche Produktionen stecken; der Streaming-Anteil wurde damals mit 1,83 Milliarden Euro über fünf Jahre beschrieben. Das ist nicht egal, aber es ist eben auch nicht automatisch die Netflix-Amazon-Disney-Geldlawine, als die man sie gern auf die Bühne rollt.
Und dann diese schöne Stelle im Interview, an der DWDL fragt, was passiert, wenn die Quote nicht erfüllt wird. Antwort: Dann gebe es eine Ersatzzahlung. Im Entwurf heißt es allerdings: Die Filmförderungsanstalt kann bei Nichterfüllung eine Ausgleichsabgabe erheben. Kann. Dieses kleine Verwaltungsverb ist der VIP-Ausgang der Verbindlichkeit. Kann heißt nicht muss. Kann heißt: Wir schauen mal. Kann heißt: Vielleicht gibt es Konsequenzen, vielleicht aber auch ein Gespräch, eine Frist, eine Arbeitsgruppe, ein PDF mit Zwischenüberschrift. Für Kreative, die jeden Tag Deadlines einhalten müssen, ist diese Art politischer Weichzeichner besonders hübsch. Versuch mal, einer Redaktion zu sagen: „Ich kann den Schnitt morgen liefern.“ Dann lernst du sehr schnell, wie wenig poetisch „kann“ im echten Arbeitsleben klingt. Weimer klingt im Interview optimistisch. Sehr optimistisch. Er glaubt, dass kaum jemand die acht Prozent reißen wird, ja sogar, dass alle die zwölf Prozent erfüllen werden. Optimismus ist sympathisch. Aber Optimismus ist kein Kontrollinstrument. Optimismus baut keine Rechtekataloge auf. Optimismus bezahlt keine Editor:innen zwischen zwei Projekten. Optimismus verhindert nicht, dass Produktionsfirmen in Abhängigkeiten geraten, wenn die Plattform das Geld gibt, den Takt bestimmt und am Ende auch noch die Rechte hält wie ein Kind, das im Sandkasten alle Förmchen einsammelt und dann „Kooperation“ ruft. Genau hier liegt der eigentliche Kern. Es geht nicht nur darum, ob mehr Geld ins System kommt. Es geht darum, ob Wertschöpfung bleibt. Ob unabhängige Produzenten langfristig Rechte aufbauen können. Ob Kreative und Gewerke mehr sind als atmende Dienstleister in einem globalen Content-Silo. Der Referentenentwurf selbst formuliert das Ziel, unabhängigen Herstellern den Aufbau eigener Rechtekataloge zu erleichtern. Die Produktionsallianz kritisierte aber bereits, die Quote bleibe mit acht beziehungsweise zwölf Prozent unter dem Niveau vergleichbarer europäischer Märkte, und beim Rechterückbehalt brauche es mehr politischen Mut. Das ist kein Detail für Branchennerds mit Randnotiz-Fetisch. Das ist die Frage, ob Deutschland künftig produziert oder nur zuliefert. Denn die Plattformlogik ist gnadenlos freundlich. Sie lächelt, sie bestellt, sie bezahlt, sie analysiert, sie cancelled. Sie sagt „local relevance“ und meint: Wir brauchen deutsche Gesichter für globale Oberflächen. Sie sagt „creative partnership“ und meint: Bitte alles bis Freitag, internationale Auswertung inklusive, Rechteklärung bitte sauber, Budget sportlich. Und während irgendwo eine Serie mit Berliner Nachtbus, toxischem Start-up-Gründer und drei erstaunlich gut ausgeleuchteten Altbauküchen entsteht, fragt sich die Branche, ob sie gerade den Anschluss schafft oder nur ihr eigenes Prekariat in 4K remastert.
Man muss dieses Gesetz also nicht kleinreden, um es kritisch zu sehen. Im Gegenteil. Wer es ernst nimmt, muss es kritisieren. Eine gesetzliche Investitionspflicht ist besser als freiwillige Selbstverpflichtungslyrik. Mehr Förderung ist besser als weniger Förderung. Ein politischer Wille zur Stärkung der Filmwirtschaft ist besser als die jahrelange Nummer: Standort loben, Standort feiern, Standort leider nicht finanzieren. Aber der entscheidende Punkt ist nicht, ob die Flut kommt. Der entscheidende Punkt ist, ob sie nachher nur die Yachten hebt, während die Leute in den Gewerken weiter mit der Thermoskanne am Kai stehen und hoffen, dass wenigstens ein bisschen Spritzwasser als Aufschwung verkauft wird.
Vielleicht bin ich da zu misstrauisch. Vielleicht ist das die Berufskrankheit aller, die zu lange Medienpolitik beobachten: Man sieht Förderbegriffe und denkt sofort an Excel. Man hört „Booster“ und sucht die Fußnote. Man liest „historisch“ und fragt, wer die Historie am Ende abrechnet. Aber diese Skepsis kommt nicht aus Zynismus. Sie kommt aus Erfahrung. Aus zu vielen Presseterminen, bei denen auf Panels über „kreative Exzellenz“ gesprochen wurde, während hinter der Bühne jemand fragte, ob die Reisekosten eigentlich übernommen werden. Aus zu vielen Produktionen, in denen alle „Familie“ sagten, bis es um Geld ging. Aus zu vielen Sonntagen, an denen Menschen in Schnitt, Ton, Ausstattung, Aufnahmeleitung und Postproduktion Mails beantworteten, weil Leidenschaft in dieser Branche immer noch gern als Rabattcode missverstanden wird. Darum reicht die Flutmetapher nicht. Eine Branche braucht keine Naturgewalt, die man bestaunt. Sie braucht Regeln, die halten. Höhere Verbindlichkeit. Klare Sanktionen. Transparenz bei Umsätzen. Rechte, die nicht im globalen Plattformnebel verschwinden. Fördergeld, das nicht nur schöne Standortfotos ermöglicht, sondern Arbeitsrealitäten verbessert. Und eine Politik, die nicht schon zufrieden ist, wenn die Pressemitteilung klingt wie der Trailer zu einer besseren Zukunft.
Die Flut mag kommen. Schön. Aber bevor alle applaudieren, sollte jemand im Maschinenraum nachsehen, ob die Boote überhaupt dicht sind. Und ob für die Leute, die sie gebaut haben, noch Platz an Deck ist.