Am Tag danach steht im MDR wieder jemand vor einer Belegschaft und sagt wahrscheinlich Wörter wie „Gespräche“, „Szenarien“, „strategische Entscheidungen“. Man muss sich das vorstellen wie eine traurige Fortsetzung mit anderem Konferenzraum: gestern „MDR um Zwei“, heute „Mima“. Die PowerPoint hat nur die Folienfarbe gewechselt. Nach DWDL-Informationen will der MDR die Produktion des ARD-„Mittagsmagazins“ 2027 wieder abgeben; angestrebt werde ein Wechsel im ersten Halbjahr, die Mitarbeitenden in Leipzig seien am Donnerstag, dem 7. Mai 2026, informiert worden. Der NDR hat demnach Bereitschaft signalisiert, das Format zu übernehmen.
Das ist der öffentlich-rechtliche Mittag als Staffellauf ohne Zielgerade. Erst Bayern, dann Berlin-Brandenburg, dann Leipzig, bald vielleicht Hamburg. Ein Format, das seit Jahrzehnten so tut, als sei die Bundesrepublik um 12 Uhr kurz sortierbar – Krieg, Koalition, Klima, Börse, Bundesligaverletzung, Ratgeberstück, Studiotalk, Wetter –, wird selbst zur Nachricht über die Unsortierbarkeit des Systems. Das „Mima“ erklärt täglich die Lage, aber seine eigene Lage wirkt, als hätte sie jemand im Flur ausgedruckt, dann im Drucker vergessen und später mit Kaffee übergossen. Dabei war das Leipziger „Mima“ nicht als Notlösung verkauft worden, sondern als Signal. Als der MDR 2024 die ARD-Federführung vom RBB übernahm, sollte das gemeinsame Mittagsmagazin von ARD und ZDF auf zwei Stunden erweitert und stärker zum „Schaufenster der Regionen“ werden. Es sollte aus Leipzig kommen, mehr regionale Lebenswirklichkeiten zeigen, mehr Dialog, mehr Perspektivwechsel, mehr Osten im Ersten. Karola Wille sprach damals von einem gesellschaftlichen Zeichen für das Engagement der ARD im Osten Deutschlands und von stärkerer bundesweiter Sichtbarkeit ostdeutscher Lebenswirklichkeiten.
Und jetzt? Drei Jahre später reicht das Zeichen offenbar nicht einmal mehr bis zur nächsten Beitragsperiode.
Man kann sich über solche Senderformulierungen lustig machen, und ich tue das gerne, weil sie sich manchmal auch selbst schreiben wie beheizte Verwaltungslyrik. „Gesamtverantwortung“, „Federführung“, „Synergien“, „Angebotsumfang“. Ein Sprachexoskelett für Rückzug. Aber hinter diesen Begriffen sitzen echte Menschen. Redakteurinnen, Aufnahmeleiter, Grafikerinnen, CvDs, Moderatoren, Produktionsleute, die morgens nicht mit einer kulturpolitischen Metapher zur Arbeit fahren, sondern mit der S-Bahn nach Leipzig, Kaffee in der Hand, Pushnachrichten auf dem Display, irgendwo zwischen Kita-Chat, Dienstplan und der Frage, ob der eigene Arbeitsplatz gerade wieder als „Struktur“ bezeichnet wird. Der Witz, wenn es denn einer ist: Der MDR hat das „Mima“ offenbar günstiger produziert als der RBB. Laut DWDL drückte der MDR die Kosten im Vergleich zur RBB-Produktion ungefähr um die Hälfte; zuletzt habe das Format rund drei Millionen Euro pro Jahr gekostet, inzwischen bei zwei Stunden Sendezeit. Der RBB habe ungefähr ähnlich viel für nur eine Sendestunde gezahlt. Auch die dpa berichtete schon 2024, der MDR rechne inzwischen statt mit zunächst konservativ kalkulierten sechs Millionen Euro nur noch mit etwa 3 bis 3,5 Millionen Euro im Jahr, unter anderem wegen Synergien und neuer Zulieferwege aus ARD-Mediathek, Audiothek, Regionalmagazinen und MDR-Strukturen.
Das ist also nicht die klassische Geschichte von Größenwahn, Goldkante und Studiopalast. Es ist schlimmer. Es ist die Geschichte eines angeblich effizienten Projekts, das trotzdem zu teuer wird, weil der gesamte Rahmen knirscht. Wenn selbst das sparsame Prestigeprojekt zum Abgabepaket wird, dann ist der Sparzwang nicht mehr nur ein Programmplanungsdetail, sondern ein Systemzustand. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk steht da wie jemand, der beim Umzug schon dreimal aussortiert hat und jetzt noch den Stuhl weggeben muss, auf dem er sitzt.
Natürlich kann man sagen: Muss halt sein. Der MDR muss massiv sparen. In der laufenden Beitragsperiode stehen 160 Millionen Euro im Raum; zusätzlich wären nach Angaben des Senders bis Ende 2028 weitere 30 Millionen Euro fällig, selbst wenn die von der KEF empfohlene Erhöhung des Rundfunkbeitrags auf 18,64 Euro ab 2027 kommt. Bleibt die Erhöhung ganz aus, wären es 60 Millionen Euro zusätzlich. Die KEF empfiehlt tatsächlich ab 2027 einen Beitrag von 18,64 Euro; aktuell liegt er bei 18,36 Euro, nachdem eine frühere Empfehlung von 18,94 Euro ab 2025 politisch nicht umgesetzt wurde.
Aber genau hier beginnt die eigentliche Zumutung. Denn Sparen wird im Rundfunk gerne als eine Art Wetterlage erzählt. Kommt halt. Muss man durch. Leider Nebel über Leipzig, einzelne Schauer in der Redaktion, später Stellenabbau. Dabei ist Sparen immer politisch. Immer kulturell. Immer eine Rangliste. Was bleibt sichtbar? Was wird verschoben? Was wird zentralisiert? Wer darf bundesweit sprechen, wer liefert nur noch zu? Und wer sitzt am Ende da und wundert sich, dass „der Osten“ im Ersten wieder ein Sonderbeitrag ist, eine Schalte, ein Akzent, eine Problemzone mit gutem Bildmaterial? Die Ironie ist fast zu sauber, zu glatt, zu sehr Drehbuchseminar: Ausgerechnet Sachsen und Sachsen-Anhalt stemmten sich laut DWDL besonders gegen die Beitragserhöhung; dort werde zugleich oft besonders laut mehr ostdeutsche Perspektive im Ersten gefordert. Man will Sichtbarkeit, aber bitte ohne Rechnung. Man will Repräsentation, aber nicht die Produktionskosten. Man will ostdeutsche Wirklichkeit im bundesweiten Programm, aber wenn diese Wirklichkeit in Leipzig Redaktionsräume, Technik, Arbeitsverträge und Sendezeit braucht, wird es plötzlich ganz still im politischen Studio. Das heißt nicht, dass jede Beitragskritik populistisch ist. Das wäre zu billig, und billig kann der MDR gerade selbst. Natürlich gibt es beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk Reformbedarf. Natürlich gibt es Doppelstrukturen, Gewohnheiten, überbezahlte Eitelkeiten, diese seltsame Anstaltspsychologie, in der jeder Standort zugleich sparen und unersetzlich bleiben möchte. Natürlich wirkt die ARD manchmal wie eine WG aus neun Leuten, die alle behaupten, sie hätten schon abgewaschen, während die Küche langsam ein Eigenleben entwickelt.
Aber wer Reform sagt und am Ende vor allem regionale Sichtbarkeit abbaut, betreibt keine Reform, sondern Entkernung mit besseren Substantiven. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk muss nicht alles machen. Er muss nicht jede Kochshow retten, nicht jeden Quizabend fortschreiben, nicht jedes lineare Ritual konservieren, nur weil irgendwo noch eine Studiopflanze lebt. Aber Information aus der Fläche, ein Mittagsmagazin mit regionalem Anspruch, ein bundesweites Fenster aus Leipzig – das ist ziemlich nah am Kernauftrag. Wenn nicht das, was dann? Noch eine Doku-Reihe über „unsere Wälder“ mit Promi-Voiceover? Noch ein True-Crime-Podcast, in dem alle sehr betroffen in Mikrofone atmen? Noch ein Social-Clip, der junge Menschen erreichen will und dabei klingt wie ein Ministerium auf TikTok?
Das „Mima“ aus Leipzig war nicht perfekt. Manchmal war der Anspruch größer als die Sendung. Manchmal sah man die Absicht so deutlich wie ein Preisschild: Jetzt kommt Perspektivvielfalt, bitte merken. Jetzt kommt Osten, aber anschlussfähig. Jetzt kommt Nähe, aber nicht zu rau. Manchmal wurde aus regionaler Realität ein Programmpunkt mit Holzoptik und LED-Wand. Aber auch das ist kein Argument gegen Leipzig. Es ist ein Argument dafür, Leipzig besser werden zu lassen. Nähe braucht Zeit. Vertrauen braucht Wiederholung. Ein bundesweites Format aus dem Osten wird nicht dadurch selbstverständlich, dass man es nach drei Jahren weiterreicht wie ein überfordertes Praktikum.
Und ja, vielleicht kann der NDR das gut machen. Vielleicht dockt das „Mima“ künftig klug an ARD-aktuell an, vielleicht werden freiwerdende Strukturen von tagesschau24 sinnvoll genutzt, wie DWDL als Möglichkeit beschreibt. Hamburg kann Journalismus. Niemand bestreitet das. Aber genau darum geht es nicht. Es geht nicht darum, ob der Norden professionell genug ist. Es geht darum, dass ein Projekt, das ausdrücklich als ostdeutsches Sichtbarkeitsversprechen gestartet wurde, nach kurzer Zeit wieder aus dem Osten herauswandert. Das Signal ist stärker als jede Pressezeile: Danke für die Perspektive, wir melden uns. Vielleicht bin ich da zu empfindlich. Vielleicht unterschätze ich den finanziellen Druck, weil ich nicht die Tabellen verantworten muss. Vielleicht ist es leicht, „Sichtbarkeit!“ zu rufen, wenn man nicht erklären muss, welche Millionen woher kommen sollen. Geschenkt. Aber es bleibt doch diese kleine, schmutzige Wahrheit: In Sonntagsreden ist der Osten wichtig. In Sparlisten wird er mobil.
Gestern also „MDR um Zwei“. Heute das „Mima“. Morgen vielleicht irgendein Radioprogramm nach 20 Uhr, irgendein Kulturfenster, irgendeine Redaktion, die noch weiß, wie der Bürgermeister im Landkreis wirklich heißt. Und irgendwann wundert sich die ARD, dass die Leute ihr nicht mehr glauben, wenn sie „nah bei den Menschen“ sagt. Der Mittag ist dann nicht weg. Er sendet weiter. Nur woanders. Und Leipzig schaut zu, wie aus einem gesellschaftlichen Zeichen eine Fußnote im Übergabeprotokoll wird.